Grace wechselt ihre Identitäten wie Kleider. Auch äußerlich kann sie sich gut tarnen, um nicht aufzufallen. Am besten mit Sonnenbrille und Cap, aber auch mit Perücke und anderen "Zutaten". Sie bereitet sich gut auf ihre Coups vor, baldowert abgelegene Häuser aus, die eine reiche Beute versprechen. Alarmsysteme außer Betrieb zu setzen, auch das ist für Grace kein Problem. Sie ist immer über Land unterwegs, weitab von ihren Unterschlüpfen und "niemals in New South Wales". Grace ist spezialisiert auf Einbrüche. Eine Serientäterin, ein weiblicher Outlaw mit Geheimnissen, eine professionell agierende Diebin, die ihre Beute in Dollar versilbert und in zahlreichen Bankschließfächern versteckt. Als Lebensversicherung, aber auch für ihre kleine Tochter, die nicht bei ihr lebt - das ist das größte Geheimnis, das Grace unbedingt hüten muss.

Die Polizei ist ihr längst auf den Fersen, doch Grace entkommt immer wieder. Eine Herausforderung für den erfolgreichen Inspector Hal Challis, der nicht nur in diesem Fall ermittelt. Er gerät oft an seine Grenzen, weil seine Einheit wie der gesamte Polizeiapparat aus Spargründen "jämmerlich" ausgestattet ist und auch sein Dienstauto langsam zur Schrottmühle mutiert.

Mit "Leiser Tod" legt der renommierte australische Krimiautor Garry Disher, Jahrgang 1949, der auch in seiner Heimat zu den ganz Großen zählt, wieder einen hochkarätigen Roman vor in seiner Reihe mit Hauptprotagonist Inspector Challis. "Leiser Tod" ragt aus der Serie heraus, ist wohl der beste Polizeikrimi, den Disher bisher geschrieben hat. Der Roman erschien in der Originalausgabe bereits 2011. Der Unionsverlag Zürich, der sich seit 2001 ("Drachenmann") für Disher engagiert, hat ihn verspätet, erst im Frühjahr 2018, in deutscher Erstausgabe veröffentlicht. Die großartige Übersetzung stammt von Peter Torberg, einem der exzellenten Kenner dieses Autors.

Wer intelligente, klug verzahnte Erzählstränge in komplexer Story mag, dazu einen nachvollziehbaren, mit zahlreichen Überraschungen bestückten Plot, aber vor allem mehr als stilistische Standards, muss diesen Krimiautor lesen.

Grace ist eine herausragende Figur, eine starke Persönlichkeit, die den Kick braucht. Als sie in einem gut bestückten Anwesen eine "kleine Ikone" entdeckt, wird sie "bis ins Mark" erschüttert. Sie stiehlt die Ikone, die nun ihr in Leben eingreift, denn das Kunstwerk ist mit ihrer eigenen Familiengeschichte auf dramatische Weise verbunden. Auch Inspector Challis deckt Details dieser Vergangenheit auf, deren Spuren bis nach Shanghai und in die exilrussische Szene führen.

Ein pefekt und geschickt umgesetzter Plot, mit einem vibrierenden Showdown, in dem Grace alles gibt. Das ist aber nur ein Erzählstrang in diesem Roman, der seine Geschichten beim Lesen nach und nach preisgibt.

Garry Disher: "Leiser Tod" (Originaltitel "Whispering Death"). Aus dem Englischen von Peter Torberg. Unionsverlag, Zürich 2018. 352 Seiten, 22,00 Euro

Ein Strafverteidiger, der tiefgründige seelische Dramen über Schuld und Sühne beschreibt? Literaturkenner wissen sofort, hier handelt sich um Ferdinand von Schirach. In diesem Herbst erhält der Bestseller-Autor den Ricarda-Huch-Preis der Stadt Darmstadt. Die Jury begründet dies mit den "scharfsinnigen Analysen der menschlichen Psyche", die "spannende und verstörende Einblicke in die Welt des Verbrechens" liefern - "gestochen scharfe Milieu- und Charakterstudien", verfasst als Erzählungen und Romane wie die Bände "Verbrechen", "Schuld", "Der Fall Collini" und "Tabu". Auch mit dem Theaterstück "Terror" überzeugte Ferdinand von Schirach.

Die meisten Stoffe wurden bereits verfilmt und im Fernsehen gesendet. Für 2019 ist die Verfilmung von "Der Fall Collini" geplant. Kürzlich erschien der dritte Erzählband "Strafe", in dem es wieder um die diffizile Frage von Gut und Böse geht. Um Konflikte, die mit Gewalt gelöst werden, weil es keinen anderen Weg gibt. 12 Schicksale werden vorgeführt, wie immer bei von Schirach in prägnantester, aufs Äußerste verknappter Sprache - Dramen von Leben und Tod, von Verzweiflung, von Rache, von Einsamkeit. Immer werden die Menschen in diesen Stories sichtbar, greift die Verzweiflung den Leser an und wirkt noch lange nach. Es sind harte, direkte Texte mit präziser, sezierender und nichts beschönigender Sprache.

"Ein hellblauer Tag" erzählt von einer Mutter, die ihren Säugling getötet hat: "Aber es gibt eine ganz andere Geschichte, die sie jetzt nicht erzählen darf." Nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis wirft sie die Schuld ab, die sie auf sich genommen hat, weil ihr liebloser Mann das so wollte, denn er hat das Baby getötet. Die Frau entschließt sich zu einer spontanen Reaktion, für die sie nicht belangt werden kann.

Kann man eine Gummipuppe lieben und mit ihr Sex haben? Dies Frage beantwortet sensibel und höchst eindrucksvoll die Geschichte von "Lydia", die eine ganz besondere Seditge menschlichen Verhaltens schildert - und die Möglichkeit, auf besonderem Wege zu einer stabilen und glücklichen Beziehung zu ikommen. So sieht das auch das Gericht.

Die Dramen spielen sich vor unserer Haustür ab, ob authentisch oder erfunden ist vollkommen gleichgültig. Herausragend in ihrer Konsequenz ist die Begegnung der "Nachbarn". Wieder ein Mann, der ein einsames Leben führt, bis im Nachbarhaus neue Bewohner einziehen, ein Ehepaar. Ein Tritt gegen ein aufgebocktes Auto sorgt für einen tödlichen Unfall - und damit beginnt ein ganz neues Leben. Der Tätier ist der einsame Nachbar, der sich bald um die Witwe kümmert - und Jahre später seinem Anwalt von der Tat erzählt, ohne je dafür belangt zu werden.

Schuld, Strafe, Sünde, Sühne... Ferdinand von Schirach provoziert den Leser mit Emotionen und Widersprüchen, dem Möglichen und dem Unmöglichen. "Strafe" - wieder ein genialer literarischer Wurf.

Ferdinand von Schirach: "Strafe". Stories. Luchterhand Literaturverlag, München 2018. 192 Seiten, 18,00 Euro

 

Kommissar Beck ist in die Jahre gekommen. An der Rente gab es kein Vorbei. Doch in Rente gehen, sich jeden Abend auf dem Balkon mit dem Nachbarn, der seine Halskrause niemals ablegt, ein Schwätzchen machen und einen trinken - das ist undenkbar. Kommissar Beck ermittelt weiter. Den Tod seines Mitstreiters Gunvald Larsson hat er längst noch nicht verwunden. Inzwischen ist das Kommissariat personell im Umbruch. Für Larsson kam Steinar Hovland, der rotbärtige Wikinger, der ein schweres Erbe antritt, denn Larsson kann er nicht ersetzen. Er ist ein ganz anderer Ermittler-Typ.

Die sechste Staffel der spannenden und immer wieder gern gesehenen schwedisch-deutschen TV-Krimi-Serie (nach den unerschöpftlichen Motiven der Altmeister Wahlöö/Sjöwall) wurde 2017 produziert und flimmerte bereits über die deutschen Bildschirme. Edel:Motion hat nun auch diese vier neuen Episoden auf zwei DVDs (und natürlich auch als Blu-ray) herausgebracht. In Dolby Digital ist neben der deutschen Synchronisation auch der schwedische Originalton verfügbar.

Vier Fälle - der erste "Dein eigen Blut". Eine 17-Jährige verschwindet. Verdächtigt wird ein junger Mann mit Migrationshintergrund, dessen Bruder sich dem IS angeschlossen hat. Steinar muss weit reisen für seine Ermittlungen. Doch einfach ist des Rätsels Lösung nicht, wenn der Gegner im Dunkeln agiert und ein Selbstmordattentat längst in Vorbereitung ist... - "Auf dünnem Eis" spielt in der Welt vom Hockey besessener Kids. Ein Trainer wird ermordet und zwei Jugendliche, ebenfalls mit Migrationshintergrund, geraten in den Fokus der Ermittler. - "Die ausgestreckte Hand" spielt im Kosmos einer Familie. Ein kleines Mädchen findet seine leblose Mutter - ist dafür ein Treppensturz verantwortlich? - In "Teufels Anwalt" wird ein Gastronom vor seinen Gästen erschossen.

Die Fälle sind sehr unterschiedlich und bieten wieder sehenswerte skandinavische Krimikost. Peter Haber als Kommissar Beck ist der Mittelpunkt, auch wenn er nicht immer in Erscheinung tritt. Kristofer Hivju gibt einen emsigen, klugen Steinar Hovland, der mehr Zeit für seine Familie haben müsste. "Kommissar Beck" widmet sich in den neuen Folgen brisanten gesellschaftlichen Problemen, über Familie, Migration, Integration bis hin zu Gewalt und Mord.

Donna Leon schafft weiter Tatsachen: Kürzlich ist der 27. Fall mit Commissario Brunetti erschienen. Titel: "Heimliche Versuchung". Dabei wird es wohl nicht bleiben, wie nicht nur die Fans der Schriftstellerin vermuten. Donna Leon (Jahrgang 1942), Wahl-Venezianerin aus dem amerikanischen New Jersey und heute vorwiegend in der Schweiz lebend, macht keine halben Sachen und plant wahrscheinlich schon bis zum 30. Band der Reihe. Eine Ende ist noch nicht abzusehen. Immer wieder gelingt es ihr mit enormer Fleißarbeit neben Büchern über den venezianischen Commissario auch noch andere Bücher, vor allem über ihre Leidenschaft zur Musik und zur Oper zu schreiben.

"Heimliche Versuchung" ist kein echter Krimi, es gibt keinen Toten und keinen Mord. Auch dieses Mal blickt die Autorin in einen Sumpf diverser Verbrechen, meist Betrügereien im große Stil. Brunetti kennt die Schattenwelten der Lagunenstadt zur Genüge. Wie oft hat er schon wegen Korruption, Umweltskandalen, Prostitution, Sextourismus und Immigration bis hin zu mafiösen Strukturen ermittelt.

Im neuen Band verläuft das Geschehen sehr ruhig. Eine große Melancholie liegt über der Geschichte. Es ist November in Venedig. Die Stadt ruht in sich, so scheint es. Ein Mann stürzt von einer Brücke, liegt danach im Koma. Brunetti findet keine richtige Spur, bis ihn seltsame Apotheken-Coupons aufmerksam machen und er auf eine Ärztin stößt, die viel zu verlieren hat. Wie immer ist Venedig die Protagonistin, die unter dem Touristenstrom leidet. Brunetti bleibt auffällig oft in Familie, liest griechische Sagen und lässt innerlich seinen angestauten Frust ab auf den wie stets phlegmatischen, inkompetenten und sein Fähnchen nach dem Wind drehenden Vice-Questore Patta.

"Heimliche Versuchung" besticht durch das Figurenensemble, die Charaktere und die Atmosphäre. Der Roman ist aber kein herausragender Brunetti. Es gibt viel bessere in der Reihe. Den Fans ist das egal. Für sie ist das neue Buch mehr als eine ideale Unterhaltung. Und schon hoffen sie auf den 28. Band.

Donna Leon: "Heimliche Versuchung". Commissario Brunettis siebenundzwanzigster Fall. Aus dem Amerikanischen von Werner Schmitz. Diogenes Verlag, Zürich 2018. 336 Seiten, 24,00 Euro

 

Wenn Manuel, ein in Thüringen lebender Kubaner, einmal im Jahr seine Familie in seiner Heimat besucht, befördert er kein leichtes Gepäck. Ob Autokabel oder Batterien für Kofferradios, manchmal auch Haarspangen - in Kuba wird vieles benötigt. Der Mangel ist seit Jahrzehnten Alltag, doch die Kubaner gehen damit erfindungsreich um. "In Kuba gibt es eine sehr schmale Grenze zwischen dem Realen und dem Absurden", schrieb der Schriftsteller Martin Cruz Smith in seinem Roman "Nacht in Havanna" (1999). Diese Erfahrung macht wohl jeder Kuba-Reisende, wenn er sich längere Zeit im Land aufhält.

Der Thüringer Schriftsteller Landolf Scherzer reiste 2016 für sechs Wochen mit Touristenvisum auf die Karibikinsel. Auch er hatte allerlei Dinge und Wünsche im Reisegepäck, für eine persönliche Zustellung. Ein Reisender, der zugleich Briefträger ist. Das macht Landolf Scherzer nichts aus, denn er ist ein Reisender der besonderen Art, der schon vielfach über seine Erlebnisse in anderen Ländern geschrieben hat. Ein Reiseschriftsteller ist er mitnichten. Seine Leser kenne ihn auch als Grenzwanderer auf dem Kolonnenweg der ehemaligen innerdeutschen Grenze und als Hochseefischer auf einem DDR-Kutter.

"Buenos dias, Kuba" ist das Ergebnis eines kurzen Aufenthaltes, bei dem die Blicke von außen überwiegen, denn um ein Land wirklich zu erfahren, reichen ein paar Wochen nicht aus. Aber Landolf Scherzer, Jahrgang 1941, hat die Gabe, aus wenig viel zu machen, das heißt, er ist mit wachen Sinnen unterwegs, mit gezücktem Stift und Notizbuch und vielen Fragen. Mit diesem Herangehen fängt er Situationen und Begegnungen ein. Es ist das direkte Zugehen auf Menschen und ihr Leben, das seine literarischen Reportagen so besonders macht.

Der Untertitel des Buches lautet "Reise durch ein Land im Umbruch". Und dieser Umbruch wurde für ihn sehr spannend, denn kaum in Kuba angekommen, stirbt Fidel Casto. In diesem Vakuum bewegt sich der Autor und fragt vor allem, wie es nun weiter mit den Idealen der Revolution, mit Traditionen  in einem Staat bestellt ist, der eine Alternative zur globalen Profitgesellschaft sucht, wie Scherzer schreibt.

Er wohnt neben dem zweitgrößten Friedhof von Amerika, der eine kleine Stadt ist, nimmt an der Trauerfeier für Fidel teil, trifft einen Thüringer aus dem Eichsfeld, der in Havanna das Capitolio restauriert und erfährt von dessen Maxime "Kuba kann man nur lieben oder hassen". Viele Menschen unterstützen den Reisenden, geben ihm Quartier, so kommt er ihnen nahe, mitten im Umbruch, dem schon ein neuer Beginn naht, mit Raul Castro, der Land etwas öffnen wird. Den nächsten Machtwechsel mit dem neuen Präsidenten Miguel Diaz-Canel, der einen langsamen Wandel verfolgt, auf Wachstum und Entwicklung setzt, hat Landolf Scherzer nicht mehr erlebt, da war er schon lange wieder zu Hause.

"Buenos dias, Kuba" umfasst 370 Seiten - Kuba live, mit vielen Fotos des Autors. Ein fernes Land rückt nahe. Fazit des Autors: "Der gefährlichste Feind für den kubanischen Sozialismus ist der kubanische Alltag. Der beste Freund ist der Stolz der Kubaner auf ihr Land."

Landolf Scherzer: "Buenos dias, Kuba". Reise durch ein Land im Umbruch. Aufbau Verlag, Berlin 2018. 368 Seiten, 22, 00 Euro