Der "Palmbaum"- das einzige Literarische Journal aus Thüringen hat sich längst gemausert und etabliert. Kaum zu glauben, aber wahr: Er ist jetzt 25 Jahre alt - das erste Heft erschien 1993. Eine schöne Ergänzung zum "Palmbaum", der Literaturhistorischen Gesellschaft Thüringen e. V., die sich am 20. Oktober 1992 im Gartenhaus in Jena gründete. 25 Jahre Zeitschrift Palmbaum ist das Titelthema des neuen Heftes, 1/2018. Für dieses Thema ließ sich Dr. Detlef Ignasiak interviewen und Verleger Jens-Fietje Dwars lud 25 Stammautoren aus ganz Deutschland zum Mitmachen ein - sie schrieben und wählten dafür Texte aus. Unter ihnen Dichter und Prosaautoren wie Wilhelm Bartsch, Daniela Danz, Peter Gosse, Kathrin Groß-Striffler, Kerstin Hensel, Wulf Kirsten, Reiner Kunze, Landolf Scherzer und B. K. Tragelehn. - Von Annerose Kirchner, also von mir, stammt das Gedicht "Mulligan's Pub" (eine Erinnerung an meine Irland-Reise und an Dublin vor einigen Jahren), das in dieser "Palmbaum"-Ausgabe zum ersten Mal veröffentlicht wurde.

Bemerkenswert die Umschlaggestaltung von Gerda Lepke und dazu ein bereicherndes Interview mit der in Gera und Freital lebenden Künstlerin, das Jens-Fietje Dwars führte.

"Palmbaum", Literarisches Journal aus Thüringen. Heft 1/2018, 224 Seiten, 9,90 Euro

Ein Jahresabonnement kostet 18,00 Euro.

 

Lange bevor die Schauspieler Horst Tappert (1923-2008) und Siegfried Lowitz (1914-1999) als legendäre TV-Serien-Kommissare Derrick und Köster ("Der Alte") agierten, waren sie in einem hochspannenden Fernseh-Dreiteiler zu sehen, der Millionen Zuschauer in den Bann zog: "Die Gentlemen bitten zur Kasse". Der NDR produzierte 1965 diesen Straßenfeger, der auf wahren Tatsachen beruhte. Es handelte sich um die erste Verfilmung, die sich dem spektakulärsten Postraub in der britischen Kriminalgeschichte widmete.

Die Fakten: 1963 hatten 16 maskierte Männer ohne Anwendung von Schusswaffen den königlichen Postzug überfallen und 2,63 Millionen Pfund, heute etwa 49 Millionen Euro, erbeutet. Das Geld befand sich in 120 (!) Säcken - gebrauchte Scheine, die von Glasgow nach London transportiert werden sollten.

Wie der geniale Coup vorbereitet und durchgeführt wurde, vermittelt der glänzend besetzte und spannende Fernsehfilm, für den Henry Kolarz das Drehbuch schrieb. Das darauf basierende Filmhörspiel - Titel "Die Gentlemen bitten zur Kasse" (mit Horst Tappert als Michael Donegan, dem Superhirn der Bande) versetzte die Zuschauer erneut in Kultfilm-Rausch. Das Filmhörspiel veröffentlichte DAV (Der Audio Verlag) 2010. Regie: John Olden und Claus Peter Witt.

Das war aber nicht die einzige Produktion, die sich dem Stoff widmete. Es gab 1968 bereits ein Hörspiel, das der Autor und Regisseur Sandor Ferenczy - auch nach der Kolarz-Vorlage - in eigener Bearbeitung umsetzte. Natürlich unter dem Titel "Die Gentlemen bitten zur Kasse". Hier ist nur Horst Tappert als Donegan von der alten Film-Besetzung vertreten. Unter den Hörspiel-Mitwirkenden zur damaligen Zeit bekannt der bayerische Volksschauspieler Gerhart Lippert als Sprecher und die Schauspielerin Tina Eilers als Mona.

Dieses Hörspiel, das zuletzt 2013 wieder auf den Markt kam, hat jetzt erneut DAV herausgebracht. (Auf dem Cover sind allerdings falsche Fakten angegeben: "15 Männer. Ein Plan" - es waren 16.)  Rund 50 Minuten Hochspannung und Erinnerung an dieses spektakuläre Verbrechen, verbunden mit der legendären Flucht von Ronnie Biggs (1929-2013) ins Ausland. Biggs Geschichte wurde mehrfach verfilmt, dazu kamen Reportagen und Interviews. Zu empfehlen ist die 160-minütige Doku "Die Gentlemen bitten zur Kasse" von Carl-Ludwig Rettinger, die auf Arte gesendet wurde.

Zum Inhalt des Hörspiels sei nichts verraten - man muss es hören oder die Verfilmung anschauen.

"Die Gentlemen bitten zur Kasse". Hörspiel. Regie: Sandor Ferenczy. DAV, Berlin. 50 Min., 9,99 Euro

1922 kam Mohamed Helmy (1901 in Khartoum geboren) nach Berlin, um an der Humboldt-Universität Medizin zu studieren. Der Sohn eines ägyptischen Majors nannte sich bald Mod Helmy, vielleicht um sich vor Islamophobie zu schützen, und arbeitete nach Abschluss seines Studiums im Krankenhaus Moabit, das wegen seiner hohen medizinischen Standards (zwei Abteilungen galten als Universitätskliniken) zu den besten Krankenhäusern in Deutschland zählte. Dort war er der einzige Araber in der Ärzteschaft, die aus vielen Juden bestand. Mod Helmy (Facharztausbildung zum Internisten und Promotion) war ein sehr angesehener und beliebter Arzt, dem auch in seinem späteren Leben das Wohl des Patienten an erster Stelle stand.

Er erlebte hautnah den Niedergang der Weimarer Republik und den Aufstieg der Nazis. Für die galt er als Ausländer, als "Nicht-Arier". Das schützte ihn vor Verfolgung und Vernichtung. Nach den Rassegesetzen durfte er nicht heiraten und keine Kontakte zu Frauen aus der nichtarabischen Welt haben. Bis zum Sommer 1937 konnte er im Krankenhaus als Oberarzt praktizieren. 1939 wurde er mit anderen Ägyptern verhaftet und interniert. Nach seiner Freilassung 1940 war ihm die Ausübung seines Berufes untersagt. Doch ein Zufall änderte die Situation: Er musste einen deutschen Arzt vertreten, weil es dafür keinen anderen Kollegen gab und bekam nun eigene Praxis, stand aber weiter unter Beobachtung der Gestapo. Mit viel Verstand und Glück gelang es ihm, das System zu täuschen und manche Gefahr zu umschiffen. So war Helmy wohl der einzige arabische Arzt, der - natürlich heimlich - auch jüdische Patienten behandelte.

Ab 1942 versteckte er mit Hilfe von Frieda Szturmann, einer Patientin, die 17-jährige Anna Boros, eine rumänische Jüdin, und drei ihrer Angehörigen, zuerst in seiner Praxis, dann in einer Laube in Berlin-Buch, vor der drohenden Deportation. Unter schwierigsten Bedingungen besorgte er Lebensmittel und Medikamente - und rettete die Verfolgten vor dem sicheren Tod.

Die Details dieser Rettungsaktion beschreibt der israelische Autor Igal Avidan mit Ko-Autor Helmut Kuhn in seinem Buch "Mod Helmy. Wie ein arabischer Arzt in Berlin Juden vor der Gestapo rettete". Diese packende Geschichte über einen Menschen, der trotz höchster Gefahr seine Menschlichkeit bewahrte und Zivilcourage bewies, wird minutiös rekonstruiert. Eine Geschichte, die über 70 Jahre fast in Vergessenheit geraten war, obwohl Mod Helmy 1962 mit anderen 70 Menschen, die Juden gerettet hatten, 1962 vom (West-)Berliner Senat als "unbesungener Held" ausgezeichnet wurde. Ein Akt, der damals in der Öffenlichkeit kaum eine Wahrnehmung erfuhr.

Dank des Engagements des Arztes Dr. Karsten Mülder und seiner Frau kam diese Geschichte endgültig ans Tageslicht. Der Chirurg und die Krankengymnastin eröffneten 1991 in Helmys früherem Wohnhaus in Berlin-Moabit, Krefelder Straße 7, ihre Praxen, in unmittelbarer Nähe zu dessen ehemaligen Praxisräumen. Der damalige Hauseigentümer hatte Helmy noch gekannt und erzählte von ihm. Damit war das Interesse der neuen Bewohner geweckt, die nun gemeinsam recherchierten. Sie haben einen großen Anteil daran, dass Mod Helmy postum 2013 als erster Araber durch die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem als "Gerechter unter den Völkern" geehrt wurde. Geehrt wurde auch seine Vertraute Frieda Szturmann. 2014 kam eine Gedenktafel am ehemaligen Wohnhaus von Mod Helmy hinzu, und mit der Verlegung von Stolpersteinen 2011 gedachte man der jüdischen Mitbewohner, die Opfer der Shoah wurden.

Igal Avidan recherchierte sehr aufwendig in den verschiedensten Archiven und erfuhr dabei die Unterstützung von Historikern - eine anstrengende, herausfordernde Spurensuche, die mit dem Studium unzähliger Akten und Dokumente einher ging. Vor allem die lebendig geschilderten Begegnungen mit Zeitzeugen vermitteln eine Unmenge neuer Geschichten und Fakten und verleihen dem Buch authentischen Charakter. Wie geschickt Mod Helmy seine Rettungsaktion durchführte und dafür sogar scheinbar Unmögliches möglich machte, zeigt der riskante und erfolgreiche Coup, der aus der Jüdin Anna Boros eine Muslima machte. Ein Übertritt zum Islam, abgesegnet durch einen freundschaftlich gesinnten ägyptischen Journalisten - der rechten Hand des Muftis von Jerusalem. Dieser war ausgerechnet ein Freund der Nazis und Gegner der Juden.

Mod Helmys Lebensgeschichte spiegelt prägnant Zeitgeschichte wider - mit den komplizierten diplomatischen Beziehungen zwischen Ägypten und Deutschland während der Nazizeit und über die Nachkriegsgeschichte (Beziehungen Deutschland-Äypten-Israel) hinaus bis in die Gegenwart. Geschildert wird Mod Helmys langer Kampf um Anerkennung als Verfolgter des Nazi-Regimes ("Schäden an seinem beruflichen Fortkommen") und das Schicksal der Geretteten. Anna Boros, die mit ihren Eltern in den 1930er Jahren nach Berlin kam, ging 1947 in die USA und vergaß ihren Retter nie. Mod Helmy starb 1982 in Berlin. Er blieb in Deutschland, besuchte nur gelegentlich seine Familie in Ägypten.

Igal Avidan: "Ein Ägypter wie Mod Helmy könnte eine neue Identifikationsfigur für Araber werden und zur jüdisch-arabischen Annäherung beitragen."

Weitere Lektüre-Empfehlung: Für seinen gerade bei dtv premium erschienenen Familienroman "Die Rettung einer ganzen Welt" (480 Seiten, 16,90 Euro) ließ sich der Autor Jürgen Seidel von Mod Helmy als "selbstloser Helfer in Zeiten des Terrors" inspirieren.

Igal Avidan, mit Helmut Kuhn: "Mod Helmy. Wie ein arabischer Arzt in Berlin Juden vor der Gestapo rettete". dtv, München 2017. 236 Seiten, mit Abbildungen, 20,00 Euro

Tiere sind immer unterwegs. Sie wandern, sie gehen, laufen, fliegen und schwimmen - und legen dabei riesige Strecken zurück. Mit ihren Routen zeichnen sie unsichtbare Landkarten, die dank der digitalen Technik immer sichtbarer werden und ganz neue Erkenntnisse über die Tierwelt vermitteln. Wie werden diese Daten gesammelt? Darüber geben James Cheshire, Kartograf und Dozent an der University College London, und Oliver Uberti, früher Bildredakteur bei National Geographic und heute Designer, in ihrem Buch "Die Wege der Tiere - Ihre Wanderungen an Land, zu Wasser und in der Luft" Auskunft. Entstanden ist ein prächtiger Band - ein Atlas, der 50 zum Teil aufklappbare Wanderkarten präsentiert. Die Abbildungen zeigen, welche erstaunliche Leistungen Wildtiere auf ihren Wegen und Zugrouten auf den Kontinenten vollbringen und dabei ohne Mühen Grenzen verschiedenster Art überwinden. Darüber hinaus erfährt der Leser, wie Daten gesammelt werden: über akustisches Tracking, Argos (satellitengeschütztes Tracking), GPS-Tracking, lichtempfindliche Sender, Funkpeilung und andere Sensoren, wie Themormeter. Die Auswertung erfolgt über manuelle Datenrückgewinnung (Clip-Suche der Wissenschaftler im Gelände) und Übermittlung per Satellit oder Mobilfunknetz.

Es geht aber nicht nur darum, die Position eines ganz bestimmten Tieres zu bestimmen, sondern auch Erkenntnisse über Klima- und Lebensverhältnisse zu erlangen. Oliver Uberti beschreibt zum Beispiel seine Erlebnisse in Kenia. Hier trifft er auf den legendären Elefantenforscher Iain Douglas-Hamilton, der seit 50 Jahren den Spuren der Elefanten folgt, und wird Zeuge, wie die von Jägern angeschossene Elefantenkuh "Kulling" dank ihres funktionierenden GPS-Halsbandes im Samburu National Reservat aufgespürt werden konnte. Die Forscher bemerkten anhand der Daten, dass sich das Tier nicht mehr bewegte. Trotz des schnellen Eingreifens und Hilfe vor Ort verstarb "Kulling" an ihren schweren Verletzungen. Auf der abgebildeten Karte ist genau der Ort zu sehen, an dem der Elefant angeschossen wurde.

Die längsten Überlandwanderungen auf der Erde unternehmen die Zebras im Okavango-Delta; sie sind Hunderte Kilometer unterwegs. Paviane bewegen sich in großen Gruppen und bleiben meist beisammen. Die größte Tierwanderung unternimmt allerdings das Plantkon, das einem ganz bestimmten täglichen Umverteilungszyklus im Ozean folgt. Zu entdecken sind die Routen der Fischmarder, die nördlich von New York City mit großem Einfallsreichtum um ihr Überleben kämpfen. Dabei helfen ihnen Umweltschützer, indem sie sichere Wege durch das betreffende Gelände anlegen. Spannend ist die Geschichte des Wolfes "Slavc", der von 2011 bis 2012 von Kroatien nach Österreich wanderte, dabei zielsicher die Alpen überquerte und sich schließlich nördlich von Verona niederließ. Mit einem Weibchen aus der Region gründete er eine neue Population mit mindestens 16 Welpen. Aufregend sind auch die Kapitel über den Weltrekord der Seeschwalbe. Sie legt auf ihrem Flug von der Arktis bis in die Antarktis 70.000 Kilometer zurück. Längst ist es möglich, Satellitenbilder aus dem Weltraum auszuwerten. Sie werden zur Zählung von Kaiserpinguinen in der Antarktis verwendet. Faszinierend die Abbildung der digitalen Messung der Anatomie eines Aufwindes für den Gleitflug von Geiern.

Fazit: "Die Wege der Tiere" darf als sensationelle Publikation bezeichnet werden, gut verständlich auch für Laien. Obwohl der Band fast nur aus Karten, die modernen Graphiken ähneln, besteht, verknüpfen die damit verbundenen Fakten und Geschichten die unterschiedlichsten Themen wie Tierschutz, Artenvielfalt, Biodiversität und Ökologie. Der Band wurde - und das ist nicht verwunderlich - 2017 mit dem Edward Stanford Travel Writing Award in der Kategorie Innovation ausgezeichnet.

James Chesire/Oliver Uberti: "Die Wege der Tiere. Ihre Wanderungen an Land, zu Wasser und in der Luft - in 50 Karten". Carl Hanser Verlag, München. 174 Seiten, 34,00 Euro

Marlene Dietrich - ein Star, der sich seinen Mythos selbst erschuf und dahinter doch so geheimnisvoll und unnahbar bleibt. Man glaubt, viel, wenn nicht alles über sie zu wissen. Wie sie in ihrer ersten großen Rolle als Barsängerin Lola-Lola in Josef von Sternbergs Film "Der blaue Engel" weltberühmt wurde, wie sie Nazideutschland den Rücken kehrte und Hollywood eroberte, wie sie während des Zweiten Weltkrieges vor US-Soldaten auftrat, um deren Moral zu stärken. Man weiß, wie umfangreich ihr Nachlass ist: 130 Koffer, 400 Hüte, 3000 Kleider und über 16000 Fotos. Man weiß, dass sie gerne und gut kochte, sogar im Filmstudio - Hausmannskost wie Brathuhn und Lammkoteletts. Und sie sparte nicht mit Eiern. Aber was weiß man wirklich?

Marlene Dietrich legte sich ihre Legenden zurecht und sie verschwieg manches, gab nicht jede Affäre preis und bewahrte die Geheimnisse ihrer Familie. Ihr Vater, ein preußischer Polizeileutnant, stürzte in Wirklichkeit nicht vom Pferd, sondern starb an der Syphilis, die er sich bei einer seiner Geliebten geholt hatte. Bekannt ist die starke Nähe zur Mutter, mit der Marlene Dietrich oft auf Fotos zu sehen ist. Erstaunen löst die Tatsache aus, dass Marlene Dietrich eine zwei Jahre ältere Schwester hatte, die sie aus ihrem öffentlichen Leben ausblendete bis hin zur Verleugnung. Zwei Schwestern, wie sie unterschiedlicher nicht sein konnten. Marlene, attraktiv, erotisch, kommunikativ und hoch musikalisch. Elisabeth, "Liesel", kräftig gebaut, schüchtern, folgsam, ist geistig sehr rege. Sie wird Lehrerin. Nach ihrer Heimat git sie den Lehrerberuf auf, wird Hausfrau. Ihr Mann ist vielseitig künstlerisch tätig, am Theater als Manager und Direktor. Marlene bezeichnet ihre Schwester als "Tugendmoppel".

Über diese beiden ungleichen Frauen hat Heinrich Thies das Buch "Fesche Lola, bravel Liesel" geschrieben. Untertitel: Marlene Dietrich und ihre verleugnete Schwester. Der Autor konnte bei Marlene Dietrich (1901-1992) auf eine umfassende Literatur zurückgreifen. Wenig ist dagegen über die ältere Schwester bekannt. Im Schatten ihrer berühmten Schwester bleibt sie blass und fast unsichtbar. Den großen Auftritt hat Marlene. Bei Heinrich Thies erfährt man wenig Neues. Das Meiste steht in Büchern, die Marlene Dietrich veröffentlicht hat, und in Biografien und Erinnerungen, unter anderem von Maria Riva, ihrer Tochter, Alfred Polgar, Eva Gesine Baur und Maximilian Schell. Die Überraschung ist die Existenz der unbekannten Schwester. Während Marlene Dietrich in den USA vor GI's auftritt, betreibt Elisabeth Will mit ihrem Mann ab 1937 im KZ Bergen-Belsen ein Kino für Wehrmachtssoldaten.

Wie ging der Hollywood-Star mait dieser Tatsache um? Auf der einen Seite möchte die Nazigegnerin Marlene Dietrich nichts mit einer Kollaborateurin, die in einem KZ lebt und arbeitet, zu tun haben. Auf der anderen Seite liebt sie ihre Schwester und unterstützt sie finanziell. Nach Kriegsende schickt sie an Liesel Pakete und macht teure Geschenke. Beide sehen sich ab und an, wenn Marlene auf Konzerttournee unterwegs ist, in London und anderswo. Diese Treffen hält auch Liesel geheim. Es soll niemand wissen, dass sie die Schwester der berühmten Schauspielerin ist. Beide schreiben sich Briefe und telefonieren miteinander. Die Briefe sind erhalten geblieben. Für Heinrich Thies, Jahrgang 1953, der mehrere Biografien wie über Hermann Löns veröffentlichte, ein wertvolles Material, das er mit einer Fülle von zeitgeschichtlichen Fakten anreichert. Diese Briefe, aus dem Nachlass der Diva bei Sotheby's für mehrere Millionen Dollar versteigert, konnte das Land Berlin erwerben. Sie befinden sich heute in der Deutschen Kinemathek. Wo es Lücken gibt, füllt sie der Autor mit romanhafter Erzählung, die sehr oft betroffen macht, aber auch sehr oft wegen ihrer im kitschigen Ton geschriebenen Passagen misslingt. Ein Beispiel: "Elisabeth war nicht in der Lage, den Bericht im Laden zu lesen oder auch nur zu überfliegen. Ihre Hände zitterten, die Titelseiten der bunten Zeitschriften in dem Regal tanzten vor ihren Augen. Sie kaufte das Frauenblatt, stopfte es in die Einkaufstasche und lief, Unheil ahnend, besinnungslos vor Angst, gebeugt nach Hause."

Im Alter sehen sich die Schwestern nicht mehr so oft. Die Geschwisterliebe endet dramatisch. Nach dem Tod ihres Mannes vereinsamt Elisabeth Will. Die Bitte ihres Sohnes, in ein Altersheim zu ziehen, lehnt sie ab. Am 7. Mai 1973 stirbt sie im Alter von 73 Jahren an den Folgen eines Wohnungsbrandes. Marlene Dietrich soll die Todesnachricht mit versteinertem Gesicht aufgenommen haben. 1976 zieht sich die Diva in ihre Pariser Wohnung zurück. 1978 steht sie noch einmal - kurz - vor der Kamera im Film "Just a Gigolo". Als sie Maximilian Schell 1982/83 für den Dokumentarfilm "Marlene" interviewt, antwortet sie auf die Frage, ob sie Geschwister habe: "Nein." - "Sind Sie allein aufgewachsen?" Antwort: "Ja."

Heinrich Thies: "Fesche Lola, brave Liesel. Marlene Dietrich und ihre verleugnete Schwester". Hoffmann und Campe. 416 Seiten, mit Abbildungen, 24,00 Euro