Brachliegende und verwüstete Flächen verwandeln sich wieder in Biotope. Ein Beispiel dafür findet sich im ehemaligen Uranbergbau-Gebiet bei Ronneburg in Ostthüringen. Dort verschwand 1970 infolge eines Haldenrutsches das nun nicht mehr bewohnbare Dorf  Gessen - nur einer von mehreren betroffenen Orten in dieser Region. Die Dorfgemeinschaft wurde auseinander gerissen, die Menschen mussten in andere Orte und ihr Leben vollkommen umstellen. Die Heimat war für immer verloren. Die Gegend war danach noch stärker von den Eingriffen durch den Bergbau betroffen. Mit dem Ende der DDR öffnete sich auch für diese Region ein neues Kapitel. Heute zeigt sich in der ehemaligen Ortslage als Ergebnis der jahrelang sanitierten Bergbaufolgelandschaft ein völliges neues Bild: Ein lebendiger Naturraum - ein Bioptop mit einem kleinen, mit Pflanzen, Gräsern, Schilf, Tieren und viel Grün. Ein Ort der Stille, der auch zum Träumen und natürlich auch zum Wandern einlädt.

Auf den alten, nicht mehr genutzten Truppenübungsplätzen , besonders im Osten Deutschlands, erholt sich die Natur. Auch der Prozess des Abszug der sowjetischen Armee 1994 aus der ehemaligen DDR brachte positive Veränderungen für dieses schwierige Erbe mit seinen oft tödlichen Altlasten. Wie sich diese verwüsteten Gegenden aus Zeiten des Kalten Krieges und vorheriger Ereignisse wieder in natürliche Lebensräume verwandeln, belegt ein prächtiger Bildband aus dem Knesebeck Verlag, erschienen im Herbst 2018. Der Naturfotograf Sebastian Hennings präsentiert in "Explosives Erbe" Landschaften, die wieder Rückzugsräume für Tiere und Pflanzen wurden. Er hat die Orte und Motive genau erkundet zeigt nicht nur auf, wie aus Sandwüsten - hier gibt es besonders viele Flächen in Ostdeutschland - Graslandschaften entstehen, sondern richtet seine Kamera en detail auf die Bewohner dieser veränderten Lebensräume. Großartige Nahaufnahmen zeigen zahlreiche winzige, manchmal mit bloßem kaum erkennbare Insekten und Tiere. Hinzu kommen Blüten und Pflanzen. Der Schlingnatter sieht man direkt ins Auge und die auf den ersten Blick doch etwas unheimlich wirkende Heideschrecke wird bald zur Vertrauten.

Eingeteilt ist dieser wirklich bemerkende Band in fünf Kapitel: "Sand", "Gras", "Heide", "Wald" und "Wasser". Kompetent geschriebene Texte, darunter das Vorwort von Prof. Michael Succow, begeistern auch den Laien beim Lesen. Großartig die mit dem Weitwinkel aufgenommen Panoramen, zum Beispiel von der Wanderdüne bei Forst Zinna - eine der letzten Strichdünen in Brandenburg. Sebastian Hennings besticht vor allem mit seinen Macroaufnahmen. Zu den besten Aufnahmen gehört hier ein Porträt eines kleine Kohlweißlings, dessen zarte Flügel wie ein feines grafisches Gebilde.

"Dieses Buch", heißt es im Klappentext, "gewährt in herausragenden Fotografien einen spannenden Einblick in einen verborgenen und überraschend vielfältigen Kosmos" - dem ist nur zuzustimmen!

Sebastian Hennings: "Explosives Erbe: Natur und Artenvielfalt auf alten Truppenübungsplätzen". Knesebeck Verlag, München, 192 Seiten, 200 farbige Abbildungen, 36,00 Euro