Eine junge Frau, die gerade ein Kind geboren hat, sucht Entspannung und Erholung in einem alten Herrenhaus aus der Kolonialzeit. Begleitet wird sie von John, ihrem fürsorglichen Ehemann und anerkanntem Arzt. Er richtet die Dinge für seine Frau, nimmt ihr vieles ab und lässt sie gleichzeitig nach seinen Vorschriften leben. Er hat auch das Zimmer ausgewählt, das sie beziehen. Ein Zimmer, das der jungen Mutter gar nicht gefällt, wegen der gelben Tapete an den Wänden. Sie ist mit verschlungenen Mustern gestaltet, die bald zu leben beginnen. Sie ergreifen langsam von der Bewohnerin Besitz und bedrohen sie. Weg mit der "schrecklichen Tapete", abreißen... und doch in sie hinein kriechen, denn dahinter befindet sich eine andere "horizontale" Welt, die für Verwirrung sorgt, begleitet von den wuchernden Mustern, "ein optischer Horror wie wallender Seetang im gestreckten Galopp".

Unaufhaltsam vollzieht sich das beklemmende und unheimliche Szenario, das tief ins Seelenleben einer gestörten Frau blicken lässt. John erkennt nicht, was in ihr vorgeht, und er wird es wohl nicht verstehen, bis der Wahnsinn ausbricht...

"The Yellow Wall-paper. A Story" erschien 1892 im "New England Magazine" und wurde danach in zahlreichen Anthologien abgedruckt. Damit gelang der amerikanischen Schriftstellerin Charlotte Perkins Gilman (1860-1935) der literarische Durchbruch. Heute zählt diese kurze Geschichte, die natürlich an die Visionen eines Edgar Poe erinnert, aber auc an andere unheimlich-magische Geschichten wie die des Russen Alexej M. Remisow, zu den wichtigsten Texten der amerikanischen Literatur. Christian Detoux hat sie neu übersetzt und dabei jedes Wort geprüft. Erschienen ist das schmale, feine Bändchen - wie immer edel gestaltet - im Dörlemann Verlag, in zweisprachiger Ausgabe. Der Vergleich zwischen Original und Übersetzung belohnt den Literaturkenner mit einem erregenden Leseabenteuer.

Zugleich ist "Die gelbe Tapete" die Geschichte einer jungen Frau, die selbstbestimmt leben möchte und an den gegebenen Konventionen scheitert. Ein psychologisches Meisterwerk, gespeist aus persönlichen Erfahrungen, wie es in den kurzen Anmerkungen zur Autorin heißt.

Charlotte Perkins Gilmayn taucht in verschiedenen Lexika der phantastischen Literatur auf. Einen Namen machte sich die Feministin auch mit gesellschaftskritischen Schriften, so über die finanzielle Abhängigkeit der Frau.

Charlotte Perkins Gilman: "Die gelbe Tapete". Erzählung. Englisch-Deutsch. Neuübersetzung von Christian Detoux. Dörlemann Verlag, Zürich 2018. 96 Seiten, 14,00 Euro