Auf dem Bahnhof von Brody in Galizien kann man sich nur mit großer Mühe in Gedanken vorstellen, wie hier einst Josef Roth seinen Weg in die große literarische Welt ging. Nur auf dem alten Friefhof mit seinen Grabsteinen, die großen Schränken ähneln, ahnt man etwas von der einst reichen, vielfältigen und eigenständigen jüdischen Kultur, die im Holocaust vernichtet wurde. Gleiches gilt für die Spuren der jüdischen Bewohner. Doch es gibt noch Relikte des einstigen jüdischen Lebens, die sich finden lassen, wenn man sich intensiv damit beschäftigt und nach Osteuropa reist. Der Kölner Fotograf und Blogger Fotograf Christian Herrmann ist so ein unermüdlicher Wanderer, der seit Jahren intensiv nach Spuren sucht und diese in seinen Bildern festhält.

Im Lukas Verlag Berlin erschien im vergangenen Herbst sein Bildband "In schwindendem Licht". Christian Herrmann stellte ihm das Motto "Ich habe nichts zu sagen. Nur zu zeigen" von Walter Benjamin voran. Knapp über 100 Farbfotos dokumentieren das Vorgefundene und führen einen Istzustand vor, der jetzt schon wieder ein anderer ist, wenn zum Beispiel Ruinen weiter verfallen.

Fast alle Bilder stimmen traurig in ihrer Trostlosigkeit. Da ist ein leeres Feld, auf dessen Fläche sich einmal ein alter jüdischer Friefhof befand, da ist die Synagoge, die als Sporthalle zweckentfremdet genutzt wird. Da sind die Grabsteine, die metertief im Sand versinken. die Grabsteine, die als Straßenpflaster benutzt werden oder die Reste von Wandmalereien und alten Ladenschildern. Gut erhalten hingegen ist das Kino in Czernowitz. In diesem ehemaligen israelitischen Tempel sang ein der große Joseph Schmidt.

Christian Herrmanns Bilder zeigen in der Mehrzahl Gebäude, ehemalige Synagogen, die heute als Wohnhäuser, Fabriken und Kultureinrichtungen genutzt werden. Dazu Reste jüdischer Friedhöfe, die im Moment einen Spalt in die Vergangenheit öffnen. Dazu gehören die wertvollen Grabsteine am Friedhofshang im galizischen Staryj Sambir mit ihrer besonderen Aura, während in Orhei in Bessarabien das dörfliche Leben solche Orte längst vereinnahmt hat.

Mit seinem besonderen Blick findet der Fotograf das Gegenwärtige, das im Verschwinden begriffen ist und für das sich nur wenige Menschen wieder zuständig fühlen. Symbolisch steht dafür die Aufnahme von Rohatyn, Galizien, wo lokale Aktivisten Fragmente aus Grabsteinen zum alten jüdischen Friedhof zurückgebracht haben. Ein Bild, das Hoffnung vermittelt, denn hier könnte der alte Friedhof wieder erstehen. Auf dieses Engagement für die Bewahrung jüdischen Erbes lenkt Christian Herrmann seine Aufmerksamkeit - eine künstlerische Antwort gegen das Vergessen, manifestiert in einem beeindruckenden Bildband, in dem jedes Foto eine eigene Geschichte erzählt. "In schwindendem Licht" schärft den Blick, macht neugierig auf eine fremde Welt, die man heute noch, bevor sie gänzlich verschwindet, reisend entdecken kann.

Christian Herrmann: "In schwindendem Licht. In Fading Light".  Mit einem Vorwort von Adam Kerpel-Fronius. Lukas Verlag, Berlin 2018. 180 Seiten, 30,00 Euro