Ein Strafverteidiger, der tiefgründige seelische Dramen über Schuld und Sühne beschreibt? Literaturkenner wissen sofort, hier handelt sich um Ferdinand von Schirach. In diesem Herbst erhält der Bestseller-Autor den Ricarda-Huch-Preis der Stadt Darmstadt. Die Jury begründet dies mit den "scharfsinnigen Analysen der menschlichen Psyche", die "spannende und verstörende Einblicke in die Welt des Verbrechens" liefern - "gestochen scharfe Milieu- und Charakterstudien", verfasst als Erzählungen und Romane wie die Bände "Verbrechen", "Schuld", "Der Fall Collini" und "Tabu". Auch mit dem Theaterstück "Terror" überzeugte Ferdinand von Schirach.

Die meisten Stoffe wurden bereits verfilmt und im Fernsehen gesendet. Für 2019 ist die Verfilmung von "Der Fall Collini" geplant. Kürzlich erschien der dritte Erzählband "Strafe", in dem es wieder um die diffizile Frage von Gut und Böse geht. Um Konflikte, die mit Gewalt gelöst werden, weil es keinen anderen Weg gibt. 12 Schicksale werden vorgeführt, wie immer bei von Schirach in prägnantester, aufs Äußerste verknappter Sprache - Dramen von Leben und Tod, von Verzweiflung, von Rache, von Einsamkeit. Immer werden die Menschen in diesen Stories sichtbar, greift die Verzweiflung den Leser an und wirkt noch lange nach. Es sind harte, direkte Texte mit präziser, sezierender und nichts beschönigender Sprache.

"Ein hellblauer Tag" erzählt von einer Mutter, die ihren Säugling getötet hat: "Aber es gibt eine ganz andere Geschichte, die sie jetzt nicht erzählen darf." Nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis wirft sie die Schuld ab, die sie auf sich genommen hat, weil ihr liebloser Mann das so wollte, denn er hat das Baby getötet. Die Frau entschließt sich zu einer spontanen Reaktion, für die sie nicht belangt werden kann.

Kann man eine Gummipuppe lieben und mit ihr Sex haben? Dies Frage beantwortet sensibel und höchst eindrucksvoll die Geschichte von "Lydia", die eine ganz besondere Seditge menschlichen Verhaltens schildert - und die Möglichkeit, auf besonderem Wege zu einer stabilen und glücklichen Beziehung zu ikommen. So sieht das auch das Gericht.

Die Dramen spielen sich vor unserer Haustür ab, ob authentisch oder erfunden ist vollkommen gleichgültig. Herausragend in ihrer Konsequenz ist die Begegnung der "Nachbarn". Wieder ein Mann, der ein einsames Leben führt, bis im Nachbarhaus neue Bewohner einziehen, ein Ehepaar. Ein Tritt gegen ein aufgebocktes Auto sorgt für einen tödlichen Unfall - und damit beginnt ein ganz neues Leben. Der Tätier ist der einsame Nachbar, der sich bald um die Witwe kümmert - und Jahre später seinem Anwalt von der Tat erzählt, ohne je dafür belangt zu werden.

Schuld, Strafe, Sünde, Sühne... Ferdinand von Schirach provoziert den Leser mit Emotionen und Widersprüchen, dem Möglichen und dem Unmöglichen. "Strafe" - wieder ein genialer literarischer Wurf.

Ferdinand von Schirach: "Strafe". Stories. Luchterhand Literaturverlag, München 2018. 192 Seiten, 18,00 Euro