Donna Leon schafft weiter Tatsachen: Kürzlich ist der 27. Fall mit Commissario Brunetti erschienen. Titel: "Heimliche Versuchung". Dabei wird es wohl nicht bleiben, wie nicht nur die Fans der Schriftstellerin vermuten. Donna Leon (Jahrgang 1942), Wahl-Venezianerin aus dem amerikanischen New Jersey und heute vorwiegend in der Schweiz lebend, macht keine halben Sachen und plant wahrscheinlich schon bis zum 30. Band der Reihe. Eine Ende ist noch nicht abzusehen. Immer wieder gelingt es ihr mit enormer Fleißarbeit neben Büchern über den venezianischen Commissario auch noch andere Bücher, vor allem über ihre Leidenschaft zur Musik und zur Oper zu schreiben.

"Heimliche Versuchung" ist kein echter Krimi, es gibt keinen Toten und keinen Mord. Auch dieses Mal blickt die Autorin in einen Sumpf diverser Verbrechen, meist Betrügereien im große Stil. Brunetti kennt die Schattenwelten der Lagunenstadt zur Genüge. Wie oft hat er schon wegen Korruption, Umweltskandalen, Prostitution, Sextourismus und Immigration bis hin zu mafiösen Strukturen ermittelt.

Im neuen Band verläuft das Geschehen sehr ruhig. Eine große Melancholie liegt über der Geschichte. Es ist November in Venedig. Die Stadt ruht in sich, so scheint es. Ein Mann stürzt von einer Brücke, liegt danach im Koma. Brunetti findet keine richtige Spur, bis ihn seltsame Apotheken-Coupons aufmerksam machen und er auf eine Ärztin stößt, die viel zu verlieren hat. Wie immer ist Venedig die Protagonistin, die unter dem Touristenstrom leidet. Brunetti bleibt auffällig oft in Familie, liest griechische Sagen und lässt innerlich seinen angestauten Frust ab auf den wie stets phlegmatischen, inkompetenten und sein Fähnchen nach dem Wind drehenden Vice-Questore Patta.

"Heimliche Versuchung" besticht durch das Figurenensemble, die Charaktere und die Atmosphäre. Der Roman ist aber kein herausragender Brunetti. Es gibt viel bessere in der Reihe. Den Fans ist das egal. Für sie ist das neue Buch mehr als eine ideale Unterhaltung. Und schon hoffen sie auf den 28. Band.

Donna Leon: "Heimliche Versuchung". Commissario Brunettis siebenundzwanzigster Fall. Aus dem Amerikanischen von Werner Schmitz. Diogenes Verlag, Zürich 2018. 336 Seiten, 24,00 Euro