Wenn Manuel, ein in Thüringen lebender Kubaner, einmal im Jahr seine Familie in seiner Heimat besucht, befördert er kein leichtes Gepäck. Ob Autokabel oder Batterien für Kofferradios, manchmal auch Haarspangen - in Kuba wird vieles benötigt. Der Mangel ist seit Jahrzehnten Alltag, doch die Kubaner gehen damit erfindungsreich um. "In Kuba gibt es eine sehr schmale Grenze zwischen dem Realen und dem Absurden", schrieb der Schriftsteller Martin Cruz Smith in seinem Roman "Nacht in Havanna" (1999). Diese Erfahrung macht wohl jeder Kuba-Reisende, wenn er sich längere Zeit im Land aufhält.

Der Thüringer Schriftsteller Landolf Scherzer reiste 2016 für sechs Wochen mit Touristenvisum auf die Karibikinsel. Auch er hatte allerlei Dinge und Wünsche im Reisegepäck, für eine persönliche Zustellung. Ein Reisender, der zugleich Briefträger ist. Das macht Landolf Scherzer nichts aus, denn er ist ein Reisender der besonderen Art, der schon vielfach über seine Erlebnisse in anderen Ländern geschrieben hat. Ein Reiseschriftsteller ist er mitnichten. Seine Leser kenne ihn auch als Grenzwanderer auf dem Kolonnenweg der ehemaligen innerdeutschen Grenze und als Hochseefischer auf einem DDR-Kutter.

"Buenos dias, Kuba" ist das Ergebnis eines kurzen Aufenthaltes, bei dem die Blicke von außen überwiegen, denn um ein Land wirklich zu erfahren, reichen ein paar Wochen nicht aus. Aber Landolf Scherzer, Jahrgang 1941, hat die Gabe, aus wenig viel zu machen, das heißt, er ist mit wachen Sinnen unterwegs, mit gezücktem Stift und Notizbuch und vielen Fragen. Mit diesem Herangehen fängt er Situationen und Begegnungen ein. Es ist das direkte Zugehen auf Menschen und ihr Leben, das seine literarischen Reportagen so besonders macht.

Der Untertitel des Buches lautet "Reise durch ein Land im Umbruch". Und dieser Umbruch wurde für ihn sehr spannend, denn kaum in Kuba angekommen, stirbt Fidel Casto. In diesem Vakuum bewegt sich der Autor und fragt vor allem, wie es nun weiter mit den Idealen der Revolution, mit Traditionen  in einem Staat bestellt ist, der eine Alternative zur globalen Profitgesellschaft sucht, wie Scherzer schreibt.

Er wohnt neben dem zweitgrößten Friedhof von Amerika, der eine kleine Stadt ist, nimmt an der Trauerfeier für Fidel teil, trifft einen Thüringer aus dem Eichsfeld, der in Havanna das Capitolio restauriert und erfährt von dessen Maxime "Kuba kann man nur lieben oder hassen". Viele Menschen unterstützen den Reisenden, geben ihm Quartier, so kommt er ihnen nahe, mitten im Umbruch, dem schon ein neuer Beginn naht, mit Raul Castro, der Land etwas öffnen wird. Den nächsten Machtwechsel mit dem neuen Präsidenten Miguel Diaz-Canel, der einen langsamen Wandel verfolgt, auf Wachstum und Entwicklung setzt, hat Landolf Scherzer nicht mehr erlebt, da war er schon lange wieder zu Hause.

"Buenos dias, Kuba" umfasst 370 Seiten - Kuba live, mit vielen Fotos des Autors. Ein fernes Land rückt nahe. Fazit des Autors: "Der gefährlichste Feind für den kubanischen Sozialismus ist der kubanische Alltag. Der beste Freund ist der Stolz der Kubaner auf ihr Land."

Landolf Scherzer: "Buenos dias, Kuba". Reise durch ein Land im Umbruch. Aufbau Verlag, Berlin 2018. 368 Seiten, 22, 00 Euro