Touristen reisen gerne nach Kopenhagen. Wer nicht auf die Großstadt steht und in Dänemark Einsamkeit sucht, sollte sich nach Jütland begeben, ins Himmerland. Hügelige Waldlandschaften, darunter der Rebild-Nationalpark mit seinen bizarren Baumgestalten, Sümpfe und entlegene Landstriche charakterisieren das Himmerland. Auch in der Literatur hat es seine Spuren hinterlassen.

"Der westliche Teil des Himmerlands besteht aus kargem, sandigem Boden, der sich kaum zu bestellen lohnt. Doch auf diesem armseligen Stück Land wohnen auch Menschen, und dazu gehört schon etwas. Die Bewohner des Westlandes sind nicht einmal ganz arme Leute; sie müssen haushalten, und daher haben es einige von ihnen zu einem gewissen Wohlstand gebracht." Mit dieser eindrucksvollen Beschreibung beginnt die Geschichte "Ein Bewohner der Erde", nachzulesen in der Erzählsammlung "Himmerlandsvolk" von Johannes V. Jensen.

Den dänischen Autor, der von 1873 bis 1950 lebte, hat Sebastian Guggolz für seinen kleinen Verlag entdeckt. Die Leidenschaft des Berliner Verlegers gilt vergessenen, verschollenen und heute fast nahezu unbekannten Autoren aus Nord- und Osteuropa, für die er mit Hilfe guter Übersetzer eine Lanze bricht. Profunde Nachworte sind ein weiteres Markenzeichen dieser Veröffentlichungen. Bisher erschienen zum Beispiel Werke von Franz Eemil Sillanpää, des einzigen finnischen Nobelpreisträgers, Anton Tammsaare und Michail Prischwin. Die beiden letztgenannten Autoren (aus Estland und Russland) dürften Lesern aus der DDR noch ein Begriff sein, erschienen ihre Bücher meist im Verlag Volk & Welt.

Für sein literarisches Werk wurde Johannes V. Jensen 1944 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. In Dänemark weiß man das. Bei uns ist das ein unbekannter Fakt. Jensen wurde südlikch des Limfjords in Himmerland geboren. Seine Vorfahren waren Weber, der Vater arbeitete als Tierarzt. Jensen studierte Medizin, brach das Studium aber ab, um sich dem Schreiben zu widmen. Er erlebte hautnah das schwere bäuerliche Leben unter archaischen Bedingungen.

Mägde, Knechte, Häusler, Bauern, Dorflehrer, Schankwirt, Tierarzt, Schmied und Jäger und jede Menge kräftiger Burschen, die manches Mädchen umschwärmen, sind die Protagonisten in diesen Geschichten von ganz unten. Harte, starke und unbarmherzige Menschen, die sich prügeln und hassen, die ihren eigenen Stolz und auch Witz haben, die mit ihrem Schmerz allein sind, die sich unter der Last des Lebens beugen, es gar verspielen oder freiwillig beenden. Da ist Kirsten, die ihre Familie verlor und die nicht mehr sie selbst ist, weil sie "zuviel gesehen" hat, oder Morten, der an Heiligabend einen ungewöhnlichen Transport für seinen Bauern unternimmt. Auf dem Weg von der Stadt zurück ins Dorf wird er fast Opfer eines Schneesturms und schafft es gerade noch mit erfrorenen Ohren nach Hause. Nicht alles ist dunkel in diesen Erzählungen, es gibt helle Momente, auch eine Ahnung von Glück.

Die 12 Geschichten erschienen 1898. Der Autor bezeichnete sie als sein Erstlingswerk. Es folgten zahlreiche wichtige Bücher wie der historische Roman "Des Königs Fall" (1900), der vor nicht langer Zeit zum größten dänischen Roman des 20. Jahrhunderts gewählt wurde.

"Himmerland" setzt in seiner direkten lebendigen Sprache den einfachen Menschen ein Denkmal. Jensen schaut tief in die Seelen seiner Figuren und greift die Themen Tod und Jugend auf, wie Carsten Jensen im Nachwort betont. Jensens Geschichten sind Geschichten über die Heimat mit großartigen Naturbeschreibungen. Hier singt der Wind, trompeten "mürrische Hähne" und leuchtet das Johannisfeuer am Feldrain.

"Heimat ist ein Wort, das durch den Nationalsozialismus im Deutschen einen düsteren Klang bekommen hat. Im Dänischen ist das genaue Gegenteil der Fall", heißt es im Nachwort. Johannes V. Jensen sei keiner, der den Verlust der Vergangenheit beweint. "Aber er ist auch kein Fortschrittsgläubiger, der die Menschen der Scholle verdammt. Er beschäftigt sich intensiv mit ihnen, er ist von ihnen fasziniert, gleichzeitig ist er aber auch nüchternd konstatierend." Dem ist nichts hinzuzufügen.

Sebastian Guggolz setzt mit "Himmerlandsvolk" sein besonderes Verlagskonzept fort. Ein wagemutiges Unternehmen, das noch so manche Überraschungen bieten dürfte und für das der Verleger zu beglückwünschen ist.

Johannes V. Jensen: "Himmerlandsvolk". Aus dem Dänischen von Ulrich Sonnenberg. Mit einem Nachwort von Carsten Jensen. Guggolz Verlag, Berlin 2017. 188 Seiten, 20,00 Euro