Tiere sind immer unterwegs. Sie wandern, sie gehen, laufen, fliegen und schwimmen - und legen dabei riesige Strecken zurück. Mit ihren Routen zeichnen sie unsichtbare Landkarten, die dank der digitalen Technik immer sichtbarer werden und ganz neue Erkenntnisse über die Tierwelt vermitteln. Wie werden diese Daten gesammelt? Darüber geben James Cheshire, Kartograf und Dozent an der University College London, und Oliver Uberti, früher Bildredakteur bei National Geographic und heute Designer, in ihrem Buch "Die Wege der Tiere - Ihre Wanderungen an Land, zu Wasser und in der Luft" Auskunft. Entstanden ist ein prächtiger Band - ein Atlas, der 50 zum Teil aufklappbare Wanderkarten präsentiert. Die Abbildungen zeigen, welche erstaunliche Leistungen Wildtiere auf ihren Wegen und Zugrouten auf den Kontinenten vollbringen und dabei ohne Mühen Grenzen verschiedenster Art überwinden. Darüber hinaus erfährt der Leser, wie Daten gesammelt werden: über akustisches Tracking, Argos (satellitengeschütztes Tracking), GPS-Tracking, lichtempfindliche Sender, Funkpeilung und andere Sensoren, wie Themormeter. Die Auswertung erfolgt über manuelle Datenrückgewinnung (Clip-Suche der Wissenschaftler im Gelände) und Übermittlung per Satellit oder Mobilfunknetz.

Es geht aber nicht nur darum, die Position eines ganz bestimmten Tieres zu bestimmen, sondern auch Erkenntnisse über Klima- und Lebensverhältnisse zu erlangen. Oliver Uberti beschreibt zum Beispiel seine Erlebnisse in Kenia. Hier trifft er auf den legendären Elefantenforscher Iain Douglas-Hamilton, der seit 50 Jahren den Spuren der Elefanten folgt, und wird Zeuge, wie die von Jägern angeschossene Elefantenkuh "Kulling" dank ihres funktionierenden GPS-Halsbandes im Samburu National Reservat aufgespürt werden konnte. Die Forscher bemerkten anhand der Daten, dass sich das Tier nicht mehr bewegte. Trotz des schnellen Eingreifens und Hilfe vor Ort verstarb "Kulling" an ihren schweren Verletzungen. Auf der abgebildeten Karte ist genau der Ort zu sehen, an dem der Elefant angeschossen wurde.

Die längsten Überlandwanderungen auf der Erde unternehmen die Zebras im Okavango-Delta; sie sind Hunderte Kilometer unterwegs. Paviane bewegen sich in großen Gruppen und bleiben meist beisammen. Die größte Tierwanderung unternimmt allerdings das Plantkon, das einem ganz bestimmten täglichen Umverteilungszyklus im Ozean folgt. Zu entdecken sind die Routen der Fischmarder, die nördlich von New York City mit großem Einfallsreichtum um ihr Überleben kämpfen. Dabei helfen ihnen Umweltschützer, indem sie sichere Wege durch das betreffende Gelände anlegen. Spannend ist die Geschichte des Wolfes "Slavc", der von 2011 bis 2012 von Kroatien nach Österreich wanderte, dabei zielsicher die Alpen überquerte und sich schließlich nördlich von Verona niederließ. Mit einem Weibchen aus der Region gründete er eine neue Population mit mindestens 16 Welpen. Aufregend sind auch die Kapitel über den Weltrekord der Seeschwalbe. Sie legt auf ihrem Flug von der Arktis bis in die Antarktis 70.000 Kilometer zurück. Längst ist es möglich, Satellitenbilder aus dem Weltraum auszuwerten. Sie werden zur Zählung von Kaiserpinguinen in der Antarktis verwendet. Faszinierend die Abbildung der digitalen Messung der Anatomie eines Aufwindes für den Gleitflug von Geiern.

Fazit: "Die Wege der Tiere" darf als sensationelle Publikation bezeichnet werden, gut verständlich auch für Laien. Obwohl der Band fast nur aus Karten, die modernen Graphiken ähneln, besteht, verknüpfen die damit verbundenen Fakten und Geschichten die unterschiedlichsten Themen wie Tierschutz, Artenvielfalt, Biodiversität und Ökologie. Der Band wurde - und das ist nicht verwunderlich - 2017 mit dem Edward Stanford Travel Writing Award in der Kategorie Innovation ausgezeichnet.

James Chesire/Oliver Uberti: "Die Wege der Tiere. Ihre Wanderungen an Land, zu Wasser und in der Luft - in 50 Karten". Carl Hanser Verlag, München. 174 Seiten, 34,00 Euro