Marlene Dietrich - ein Star, der sich seinen Mythos selbst erschuf und dahinter doch so geheimnisvoll und unnahbar bleibt. Man glaubt, viel, wenn nicht alles über sie zu wissen. Wie sie in ihrer ersten großen Rolle als Barsängerin Lola-Lola in Josef von Sternbergs Film "Der blaue Engel" weltberühmt wurde, wie sie Nazideutschland den Rücken kehrte und Hollywood eroberte, wie sie während des Zweiten Weltkrieges vor US-Soldaten auftrat, um deren Moral zu stärken. Man weiß, wie umfangreich ihr Nachlass ist: 130 Koffer, 400 Hüte, 3000 Kleider und über 16000 Fotos. Man weiß, dass sie gerne und gut kochte, sogar im Filmstudio - Hausmannskost wie Brathuhn und Lammkoteletts. Und sie sparte nicht mit Eiern. Aber was weiß man wirklich?

Marlene Dietrich legte sich ihre Legenden zurecht und sie verschwieg manches, gab nicht jede Affäre preis und bewahrte die Geheimnisse ihrer Familie. Ihr Vater, ein preußischer Polizeileutnant, stürzte in Wirklichkeit nicht vom Pferd, sondern starb an der Syphilis, die er sich bei einer seiner Geliebten geholt hatte. Bekannt ist die starke Nähe zur Mutter, mit der Marlene Dietrich oft auf Fotos zu sehen ist. Erstaunen löst die Tatsache aus, dass Marlene Dietrich eine zwei Jahre ältere Schwester hatte, die sie aus ihrem öffentlichen Leben ausblendete bis hin zur Verleugnung. Zwei Schwestern, wie sie unterschiedlicher nicht sein konnten. Marlene, attraktiv, erotisch, kommunikativ und hoch musikalisch. Elisabeth, "Liesel", kräftig gebaut, schüchtern, folgsam, ist geistig sehr rege. Sie wird Lehrerin. Nach ihrer Heimat git sie den Lehrerberuf auf, wird Hausfrau. Ihr Mann ist vielseitig künstlerisch tätig, am Theater als Manager und Direktor. Marlene bezeichnet ihre Schwester als "Tugendmoppel".

Über diese beiden ungleichen Frauen hat Heinrich Thies das Buch "Fesche Lola, bravel Liesel" geschrieben. Untertitel: Marlene Dietrich und ihre verleugnete Schwester. Der Autor konnte bei Marlene Dietrich (1901-1992) auf eine umfassende Literatur zurückgreifen. Wenig ist dagegen über die ältere Schwester bekannt. Im Schatten ihrer berühmten Schwester bleibt sie blass und fast unsichtbar. Den großen Auftritt hat Marlene. Bei Heinrich Thies erfährt man wenig Neues. Das Meiste steht in Büchern, die Marlene Dietrich veröffentlicht hat, und in Biografien und Erinnerungen, unter anderem von Maria Riva, ihrer Tochter, Alfred Polgar, Eva Gesine Baur und Maximilian Schell. Die Überraschung ist die Existenz der unbekannten Schwester. Während Marlene Dietrich in den USA vor GI's auftritt, betreibt Elisabeth Will mit ihrem Mann ab 1937 im KZ Bergen-Belsen ein Kino für Wehrmachtssoldaten.

Wie ging der Hollywood-Star mait dieser Tatsache um? Auf der einen Seite möchte die Nazigegnerin Marlene Dietrich nichts mit einer Kollaborateurin, die in einem KZ lebt und arbeitet, zu tun haben. Auf der anderen Seite liebt sie ihre Schwester und unterstützt sie finanziell. Nach Kriegsende schickt sie an Liesel Pakete und macht teure Geschenke. Beide sehen sich ab und an, wenn Marlene auf Konzerttournee unterwegs ist, in London und anderswo. Diese Treffen hält auch Liesel geheim. Es soll niemand wissen, dass sie die Schwester der berühmten Schauspielerin ist. Beide schreiben sich Briefe und telefonieren miteinander. Die Briefe sind erhalten geblieben. Für Heinrich Thies, Jahrgang 1953, der mehrere Biografien wie über Hermann Löns veröffentlichte, ein wertvolles Material, das er mit einer Fülle von zeitgeschichtlichen Fakten anreichert. Diese Briefe, aus dem Nachlass der Diva bei Sotheby's für mehrere Millionen Dollar versteigert, konnte das Land Berlin erwerben. Sie befinden sich heute in der Deutschen Kinemathek. Wo es Lücken gibt, füllt sie der Autor mit romanhafter Erzählung, die sehr oft betroffen macht, aber auch sehr oft wegen ihrer im kitschigen Ton geschriebenen Passagen misslingt. Ein Beispiel: "Elisabeth war nicht in der Lage, den Bericht im Laden zu lesen oder auch nur zu überfliegen. Ihre Hände zitterten, die Titelseiten der bunten Zeitschriften in dem Regal tanzten vor ihren Augen. Sie kaufte das Frauenblatt, stopfte es in die Einkaufstasche und lief, Unheil ahnend, besinnungslos vor Angst, gebeugt nach Hause."

Im Alter sehen sich die Schwestern nicht mehr so oft. Die Geschwisterliebe endet dramatisch. Nach dem Tod ihres Mannes vereinsamt Elisabeth Will. Die Bitte ihres Sohnes, in ein Altersheim zu ziehen, lehnt sie ab. Am 7. Mai 1973 stirbt sie im Alter von 73 Jahren an den Folgen eines Wohnungsbrandes. Marlene Dietrich soll die Todesnachricht mit versteinertem Gesicht aufgenommen haben. 1976 zieht sich die Diva in ihre Pariser Wohnung zurück. 1978 steht sie noch einmal - kurz - vor der Kamera im Film "Just a Gigolo". Als sie Maximilian Schell 1982/83 für den Dokumentarfilm "Marlene" interviewt, antwortet sie auf die Frage, ob sie Geschwister habe: "Nein." - "Sind Sie allein aufgewachsen?" Antwort: "Ja."

Heinrich Thies: "Fesche Lola, brave Liesel. Marlene Dietrich und ihre verleugnete Schwester". Hoffmann und Campe. 416 Seiten, mit Abbildungen, 24,00 Euro