In Rechavia, einem Stadtteil von Jerusalem, fanden ab 1933 Emigranten aus Deutschland (darunter viele aus Berlin) auf der Flucht vor den Nazis ein neues Zuhause, eine neue Heimat. Hier trafen sie sich im kleinen Kreis in ihren Wohnungen und diskutierten über Politik und Kunst, über Judentum und Palästina oder bildeten sich beruflich in Kursen fort. Es entstand eine lebendige Kunst- und Literaturszene mit zahlreichen Schriftstellern und Dichtern - in einer solidarischen Gemeinschaft als aktiver, lebendiger deutsch-jüdischer Mikrokosmos. Zu den Bewohnern der Rechavia - unter ihnen Professoren und Studenten von der hiesigen Universität, aber auch Verleger, Philosophen und Rabbiner - gehörte die Dichterin Else Lasker-Schüler, die kurz vor ihrem Tod ihren letzten Gedichtband "Mein blaues Klavier" im Verlag Rashish in Rechavia veröffentlichen konnte. Weitere berühmte Persönlichkeiten in der Rechavia waren Gershom Scholem, Martin Buber und Werner Kraft.

Rechavia wurde in den 1920er Jahren als Gartenstadt angelegt. Der Name bedeutet ins Deutsche übersetzt: die Weite Gottes. Rechavia - das ist Zeitgeschichte vor allem der Jahre 1933 bis 1945, gedrängt in ein paar Straßen, Plätze, vor allem Wohnhäuser gibt es hier, ein paar Geschäfte und Cafes. 

Der Literaturwissenschaftler Thomas Sparr hat sich mit diesem einzigartigen "Viertel der Dichter und Denker beschäftigt. Er ist ein ausgezeichneter Kenner der Materie, lebte viele Jahre in Jerusalem, leitete später den Jüdischen Verlag bei Suhrkamp und war Cheflektor des Siedler Verlags. In "Grunewald im Orient", erschienen im Berenberg Verlag Berlin, lässt er das deutsch-jüdische Jerusalem mit lebendig werden. Eine spannende Zeitreise in die schwierigen Jahre des Exils mit den Auswirkungen der Shoa, begleitet von historischen Fotos, die von der Nachkriegszeit (Begegnungen mit Mascha Kaleko oder Peter Szondi) bis ins heute führt und aufzeigt, welche beachtlichen literarischen Werke (vor allem Dichtung) in Rechavia entstand. Ein Kapitel widmet sich der Philosophin Hannah Arendt, die 1961 als Beobachterin am Eichmann-Prozess teilnahm und danach ihr vieldiskutiertes Buch "Eichmann in Jerusalem" schrieb.

Thomas Sparr: "Grunewald im Orient. Das deutsch-jüdische Jerusalem". Berenberg Verlag. 184 Seiten, 22,00 Euro