Theodor Mommsen - der Name ist kaum noch im Bewusstsein der Öffentlichkeit vorhanden. Doch es gibt Menschen, die sich an ihn erinnern, seine Werke lesen und ihm gedenken. Theodor Mommsen (1817-1903) war der erste Deutsche, der 1902 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde, obwohl er kein "reiner" Literat war. Der Mitbegründer der deutschen Altertumswissenschaft erhielt für sein Werk "Römische Geschichte" (3 Bände, 3.000 Seiten), das er für ein breites Publikum geschrieben hat, diese hohe Auszeichnung. Heute ist der zu seiner Zeit vielseitige gesellschaftlich und poliitische engagierte Mann fast vergessen. Mommsen schrieb nicht nur Hunderte Aufsätze über römisches Recht, er machte sein Vorhaben, die "Archive der Vergangenheit" - die Sammlung und Neubewertung alter Inschriften im Römischen Reich - zur Hauptaufgabe. Bis zu seinem Tod erschienen fünfzehn Bände mit etwa 130.000 Inschriften - unter dem Begriff "Corpus Inscriptionum Latinarum", kurz CIL genannt. Fünf dieser Bände gab Mommsen selbst heraus. Der Historiker, der zu Lebzeiten hoch geachtet und geschätzt wurde, war liberaler Reichstagsabgeordneter und erhielt ab 1848 an der Leipziger Universität eine Professur für römisches Recht.

Mommsen wurde in Nordfriesland, in Garding, geboren. Sein Vater war Pastor. Ab 1834 besuchte er das altsprachliche Gymnasium in Altona. 1838 begann er Jura an der Universität Kiel zu studieren. Er war mit dem Dichter Theodor Storm bekannt und befreundet. 1843 promovierte Mommsen über das römische Recht. Er reist nach Italien, begeistert sich dort für die Geschichtswissenschaft, arbeitet nach seiner Rückkehr kurze Zeit als Journalist, geht dann nach Leipzig (Universität). 1851 wird er wegen seiner liberal-demokratischen Haltung aus dem Hochschuldienst entlassen. Er geht nach Zürich, schreibt dort die mehrbändige "Römische Geschichte". Das Werk wird sein größter Erfolg - Übersetzung in acht Sprachen. In Berlin wirkt er an der Preußischen Akademie der Wissenschaften, dann an der Berliner Universität (Lehrstuhl für römische Alterskunde). Unter den Studenten wird er, weil er keinen Widerspruch duldet, "Rasiermesser" genannt. Dagegen kontert er: "Ohne Leidenschaft gibt es keine Genialität." Neben dem Schreiben wirkt er, wie schon angedeutet, in der Politik, so als Mitglied des Reichstages für die Liberale Vereinigung und verurteilt die Politik von Reichskanzler Otto von Bismarck, der gegen ihn wegen Beleidigung vergeblich klagt.

Im hohen Alter von über 80 Jahren und ein Jahr vor seinem Tod erhält er den Nobelpreis. Die Ehrungen nach seinem Tod gehen weiter. Und nun im Umfeld seines 100. Geburtstages wird wieder an seine Werke erinnert. So hat dtv  einen Lesebuch veröffentlicht. Der Titel "Wenn Toren aus der Geschichte falsche Schlüsse ziehen" bezieht sich auf die Auseinandersetzung Mommsens mit Bismarck. Der Herausgeber Wilfried Nippel stellt Theodor Mommsen in all seinen Facetten vor, beschreibt kenntnisreich das Werk und die Biographie mit ihren wichtigsten Details und Stationen. Mommsen war übrigens Vater von sechzehn Kindern.

Ausgewählt wurden Texte aus den Schaffensgebieten Römische Geschichte, Staatsrecht, Akademische Reden, Hochschulpolitik, Politische Publizistik und Politische Selbstzeugnisse. Sie stellen einen sprachgewaltigen Verfasser vor, einen Klassiker, der geschliffen scharf und klar formulieren kann. Für Kenner der Materie ein Genuss. Massenkompabitel sind diese Texte nicht. Studenten der Geschichtswissenschaft sollten sie unbedingt lesen.

Ein Anhang vervollständigt die anspruchsvolle Lektüre.

"Wenn Toren aus der Geschichte falsche Schlüsse ziehen". Ein Theodor-Mommsen-Lesebuch. Herausgegeben von Wilfried Nippel. Reihe dtv bibliothek. dtv; München. 352 Seiten, 20,00 Euro