Pünktlich zum 100. Geburtstag des Dichters Johannes Bobrowski am 9. April 2017 erschien erstmals seine umfangreiche, ja gewaltige Briefkorrespondenz. Der ambitionierte Wallstein Verlag veröffentlichte die Sammlung, die Briefe der Jahre 1937-1965 enthält, in vier Bänden. Es ist die großartige Krönung des Werkes ein viel zu früh Verstorbenen.

Herausgeber Jochen Meyer, der bis 2006 die Handschriftabteilung im Deutschen Literaturarchiv in Marbach leitete, beschreibt im ausführlichen Nachwort von Band 4, dass Johannes Bobrowski seine Briefe handschriftlich verfasste. In einer sehr schönen und lesbaren deutschen Schreibschrift, in die sich manchmal "lateinische" Buchstaben "verirrten". Belege für diese ausgeprägte Handschrift finden sich in Abbildungen zum Werk des Dichters in verschiedenen Ausgaben, wie in Gerhard Wolfs meisterhaftem Essay "Beschreibung eines Zimmers. 15 Kapitel über Johannes Bobrowski" (1971).

Sieben Jahre benötigte der Herausgeber für seine Edition der über 1.200 Briefe, die Einblicke in einen literarischen Kosmos geben, der bis heute für Überraschungen sorgt. Denn die Briefe sind nicht nur Zeugnisse eines Dichters und Autors, dessen Herkunft aus dem östlichen Preußen (Geburtsort Tilsit) prägend für sein Schreiben war. Sie geben Auskunft über das Leben im geteilten Deutschland, über das literarische Leben in Ost und West, über Person und Herkunft, über Freunde und Zeitgenossen bis hin zu persönlichen Erfahrungen mitten im Kalten Krieg.

Bobrowski lebte in der DDR, in Berlin-Friedrichshagen, am Müggelsee -  bis zu seinem Tod. Nach seiner Rückkehr aus dem Zweiten Weltkrieg nahm er Anteil am Aufbruch im jungen Arbeiter-und-Bauern-Staat, später mit ernüchternden Erfahrungen zwischen Ost und West, politisch, kulturell, auch was Veröffentlichungen auf beiden Seien betraf bis hin zu wichtigen Erfolgen mit Buchveröffentlichungen in renommierten Verlagen bis hin zum Auftritt in der Gruppe 47. Aber immer steht im Mittelpunkt - und das ist aus vielen Briefen ersichtlich - die Auseinandersetzung Bobrowskis mit der Geschichte und des Verhältnisses der Deutschen zum europäischen Osten. Mitten im Krieg als Soldat, 1941 am Ilmensee, begann er zu schreiben. 20 Jahre später, 1961, erschien sein erster Lyrikband "Sarmatische Zeit", ein Jahr später, 1962, folgte "Schattenland Ströme". Rasche Veröffentlichungen - zwei Bände, die die sarmatische Landschaft als poetische Welt manifestieren und Bobrowski als Dichter von Rang vorstellen. Darauf folgten Erzählungen und Romane.

Zurück zu den Briefen: Der erste Brief der Edition vom 26. Mai 1937 ist an die Mutter Johanna gerichtet. Darin schreibt der Verfasser von seinen Erfahrungen im "Reichsarbeitsdienst" - eine dem Wehrdienst vorausgehende vormilitärische Arbeitspflicht, die der junge Mann, der noch auf sein Reifezeugnis wartete, leisten musste. Der Empfänger des letzten Briefes, den Bobrowski wohl geschrieben hat, war der österreichische Autor Hugo Huppert. Verfasst wurde das kurze Schreiben vor dem 31. Juli  1965. - Am 2. September 1965 verstarb Johannes Bobrowski an den Folgen eines Blinddarmdurchbruchs.

Seine Briefe - ein Kompendium von Zeitzeugnissen, das hier nur andeutungsweise beschrieben werden kann. Wer sich in die Welt der Briefe einfühlt, wird von einer Botschaft zur nächsten geleitet, mit unzähligen Fußnoten und Anmerkungen. Daraus ergeben sich immer wieder neue Überleitungen zu Korrespondenzen, zu den Verfassern, zu Dichtern, Schriftstellern, Verlegern, Freunden, denn auch ihre Gegenbriefe werden abgedruckt. Man müsste die Briefe noch einmal genau lesen, ob sich darin die Verbindung nach Thüringen - Saalfeld - andeutet, denn hier hielt sich Bobrowski kurzzeitig auf.

Die Teilung Deutschlands ist immer sichtbar, wenn auch - aus Sicherheitsgründen - manches unausgesprochen bleibt - wie eine offene Kritik an den Systemen. Aber zwischen den Zeilen lässt sich ablesen, was der Schreiber dachte, wenn es zum Beispiel um die Ereignisse rund um den 17. Juni 1951 geht. Die Namen der Adressaten zeigen, welch bewegtes literarisches und gesellschaftliches Leben und Engagement Bobrowski führte, wie er Menschen aus Ost und West an sich binden konnte, sie vernetzte, vor allem in sein offenes Haus in Berlin-Friedrichshagen einlud. Genannt seien nur: Hans Magnus Enzensberger, Peter Huchel, Bernd Jentzsch, Peter Jokostra, Heinz Kamnitzer, Ludvik Kundera, Herbert Lucius (Verleger Altberliner Verlag Lucie Groszer), Christoph Meckel bis hin zu Eberhard Haufe, dem außerordentlichen Bobrowski-Kenner, der nach dem Tod des Dichters begann, die Briefe zusammenzutragen. Genannt werden muss auch Wulf Kirsten, der als junger Autor seine Gedichte an Bobrowski schickte. Neben Geschäftskorrespondenzen finden sich Briefe mit privatem Inhalt, mit Botschaften an die Familie oder der Gedankenaustausch mit Freunden aus der Kriegszeit.

Diese Edition ist als herausragende verlegerische und herausgeberische Tat zu würdigen. Für Verehrer des Dichters eine wahre Fundgrube und für Autoren, die ihn neu oder wieder entdecken, eine Begegnung der ganz besonderen Art. Denn Bobrowski hat vor allem, und das sollte nicht vergessen werden, zahlreiche junge Dichter in der DDR, vor allem in den 1960er, 1970er und 1980er Jahren maßgeblich beeinflusst.

Johannes Bobrowski: "Briefe 1937-1965". Herausgegeben und kommentiert von Jochen Meyer. Mainzer Reihe. Neue Folge, Bd. 16. Wallstein Verlag. 4 Bände, zus. 2.727 Seiten, im Schuber, 199,00 Euro