2015 veröffentlichte der Deutsche Taschenbuchverlag (dtv) den Band "Das Haus der zwanzigtausend Bücher". Sasha Abramsky erzählt darin über seinen Großvater Chimen Abramsky, der ein fanatischer Büchersammler war und in seinem Haus in London-Highgate in über sechs Jahrzehnten an die 20.000 Bücher zusammengetragen hatte. Folianten in englischer, russischer, hebräischer und jüdischer Sprache. Als Chimen Abrasky 2010 im Alter von 93 Jahren starb, kam die Familie zusammen. Auch Enkel Sasha war aus den USA angereist und half beim Ordnen des Nachlasses. Eine große Herausforderung, denn das Haus bestand aus einem riesigen Bücherlabyrinth mit mehr als zehn Tonnen nicht katalogisierter Titel. Dazu unendliche Mengen von Briefen, Zeitungen und Manuskripten.

Sasha Abramsky, Jahrgang 1972, von Beruf Journalist, veröffentlichte nach vierjähriger Recherche sein Buch über "Das Haus der zwanzigtausend Bücher". Er erzählt, wie er sich in das "Dschungelzimmer", das Arbeitszimmer des Großvaters, durchkämpfte und immer wieder Bücher in die Hand nahm, blätterte und las, darunter Werke von Spinoza aus dem 17. Jahrhundert und seltene Judaica. Am wertvollsten die Bücher mit handschriftliche Notizen von Karl Marx, Lenin und Briefe von Rosa Luxemburg.

Über die Erkundung des Hauses erweckt er nicht nur die Bücher zum Leben. Er folgt der von Brüchen geprägten Biografie des Großvaters, eines Juden, dessen Familie Anfang der 1930er Jahre aus Weißrussland nach England emigrierte. Chimen wurde nicht Rabbi wie sein Vater. Sein Lebensweg verlief ganz anders: Er wurde ein führendes Mitglied der KP Englands, brach aber später mit der kommunistischen Utopie und "wandelte sich in einen ernst zu nehmenden liberalen Denker".

"Sein Wissen war grenzenlos", schreibt der Enkel über seinen bis ins hohe Lebensalter aktiven Großvater, der - ohne Hochschulabschluss - sogar zum Professor berufen wurde. Außerdem war Chimen wesentlich an der Überführung von 1.500 Thora-Schriftrollen aus Prag nach London beteiligt. Die wertvollen Artefakte stammten aus Böhmen und Mähren und wurden von den Nazis während des Zweiten Weltkrieges als Beutegut im Jüdischen Museum Prag ausgestellt.

Die Begegnung mit dem Großvater wird für den Enkel so bedeutsam, dass dieser sein eigenes Leben überdenkt und ordnet, "als Teil einer religiösen, kulturellen, politischen und migratorischen Tradition".

Philipp Blom schrieb zur Originalausgabe ein sehr lesenswertes Nachwort. Das findet sich auch in der erweiterten Ausgabe des Buches, die dtv vor kurzem herausgebracht hat.

Höhepunkt ist die neue Sicht auf diese berührende Lebensgeschichte: Sasha Abramsky erfuhr 2016, dass seine Großeltern Miriam und Chimen vom britischen Inlandsgeheimdienst (MI5) wegen ihrer kommunistischen Gesinnung überwacht wurden. Die "Top-Secret"-Akten, die bis ins Jahr 1942 zurückreichen, konnte der Enkel bisher nur in Teilen einsehen. Über seine Erkenntnisse und Erfahrungen bei dieser Recherche schreibt er im Vorwort, das er der Taschenbuch-Ausgabe voranstellt.

Sasha Abramsky: "Das Haus der zwanzigtausend Bücher". Aus dem Englischen von Bernd Rullkötter. Erweitert um ein Vorwort von Sasha Abramsky. Mit einem Nachwort von Philipp Blom und einem farbigen Bildteil. dtv Literatur, München 2017. 408 Seiten, 12,90 Euro