Die berühmte Legende von Rabbi Löw, der im 16. Jahrhundert in der Prager Altstadt, im Judenviertel, aus einem Klumpen Lehm, vermischt mit Wasser, eine menschliche Gestalt formte, und mit einem geheimnisvollen Ritual zum Leben erweckte, regt bis heute die Künste, vor allem Schriftsteller, Zeichner und Filmemacher, zu neuen Werken an. Legendäre Klassiker sind zum Beispiel der deutsche Stummfilm "Der Golem, wie er in die Welt kam" (1912) und der Roman "Der Golem" von Gustav Meyrink, der 1915 in Leipzig veröffentlicht wurde.

Mit dieser Legende beschäftigt sich nun auch die französische Autorin Éliette Abécassis. Tochter eines bekannten jüdischen Philosophen in Straßburg. 2016 veröffentlichte der Flammarion Verlag Paris ihre Geschichte "Der Schatten des Golem" in einer wunderbaren Buchausgabe. Ein Kunstwerk, anders kann man diesen Band nicht bezeichnen. Neben der poetisch erzählten Geschichte sind es die eindrucksvollen Illustrationen des französischen Zeichners Benjamin Lacombe, der sich auch als Autor von zahlreichen Kinderbüchern einen Namen gemacht hat. Auch in Deutschland ist er bekannt, durch Veröffentlichungen bei Jacoby & Stuart, Berlin - ein Verlag, der längst mit seinen besonderen Kinderbüchern kein Geheimtipp mehr ist.

Der Knesebeck Verlag München hat nun "Der Schatten des Golem" herausgebracht - ein kleines Bucheregnis, das ganz dem anspruchsvollen Konzept der dortigen Büchermacher entspricht.

Die Autorin stellt das Mädchen Zelmira in den Mittelpunkt. Es wird zufällig Zeugin der "Geburt" des Golem durch Rabbi Löw. Mit seltsamen, unerklärlichen Vorgängen ist Zelmira vertraut, denn ihre Eltern sind Alchemisten. So versucht Mutter Bozidara Mixturen für die weiße und schwarze Magie herzustellen. Und auch das Klima im Prag des 18. Jahhunderts ist getränkt von unheimlicher Aura, vor allem in der Nacht. Zelmira begegnet dem Golem, der den Namen "Joseph" trägt. Es entsteht eine gefährliche Konstellation, denn der riesige Golem, hier kein tumber Zombie, sondern "eine sagenhafte menschliche Maschine", droht außer Kontrolle zu geraten. Der Schluss der Geschichte lässt offen, ob sich die Bedrohung wiederholt...

Faszinierend ist die künstlerische Einheit von Text und Bild, die den historischen und kulturellen Hintergrund umfasst und mit der Fiktion spielt. Es treten reale Persönlichkeiten auf wie der kranke Kaiser Rudolf II., der an die geheimen Wissenschaften und die Hielkraft der Elixiere glaubt, und der Astronom Tycho Brahe. Fiktiv ist die Figur des dämonischen Bruder Thaddäus, der ein Auge auf den Golem geworfen hat...

Fazit: "Der Schatten des Golem" ist ein Kunst-Lese-Buch, das einen alten Mythos aufleben lässt. Es richtet sich stark an Erwachsene, aber auch an junge Leser, die altersmäßig das Geschehen erfassen und verarbeiten können. Als Buch-Geschenk ist diese Ausgabe einfach wunderbar!

Éliette Abécassis (Text), Benjamin Lacombe (Illustrationen): "Der Schatten des Golem". Aus dem Französischen von Anja Kootz. Knesebeck Verlag, München 2017. Gebunden, 184 Seiten, mit farbigen und schwarz-weißen Abbildungen, 24,95 Euro