Donna Leon kennt keine Schreibkrisen. Kürzlich ist ihr 26. Brunetti-Krimi "Stille Wasser" erschienen. Unerschöpflich scheint das literarische Reservoir der amerikanischen Autorin zu sein, die seit 1981 in Venedig (und heute auch in der Schweiz) lebt. Sie hat die Serenissima  als Kosmos für ihre Romane um den beliebten Commissario Brunetti gemacht - und das mit riesigem Erfolg, obwohl keines der Bücher je in die italienische Sprache übersetzt wurde.

Auch im neuen Fall kennt Brunetti keine Ruhe. Nach einem vorgetäuschten Schwächeanfall nimmt er eine mehrwöchige Auszeit mitten in der Lagune und mag gar nicht an die bevorstehende Langeweile denken. Er packt klassische Lektüren von Euripides und Herodot ein - und kommt kaum zum Lesen. Denn Davide Casati, Verwalter auf Sant’ Erasmo, wird treibend in die Lagune aufgefunden. Mord oder Selbstmord? Für Guido Brunetti eine Herausforderung, hatte er sich doch mit dem alten Mann, der in der Lagune Bienen züchtete, fast angefreundet.

Auch in diesem Roman zeigt Donna Leon, Jahrgang 1942, ihre großartigen Stärken als Meisterin psychologischer Tiefenlotung. Sie erzählt mit gewohnter Eleganz und Feingefühl, unterhält in altbewährter Weise und greift dabei aktuelle Themen auf: wie das Bienensterben, das Verbringen von Giftmüll in der Lagune bis hin zu dramatischen Lebensschicksalen und den Touristen, die Venedig belagern. Kaum hat man diesen sehr menschenlichen Brunetti gelesen, ist man schon wieder süchtig auf das nächste Buch. Der 27. Roman kommt bestimmt.

Donna Leon: "Stille Wasser". Commissario Brunettis sechsundzwanzigster Fall". Roman. Aus dem Amerikanischen von Werner Schmitz. Diogenes Verlag, Zürich 2017. 352 Seiten, 24,00 Euro